Die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. – Teil 1

2011 – „Das Jahr der Jubiläen“

Sehr geehrte Bürger und Gäste unserer Heimatstadt Wernigerode!
Liebe Freunde der Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V.!

Wenn am 8. Juli dieses Jahres die Mitglieder der Wernigeröder Schützengesellschaft mit ihren Gästen unter wehenden Fahnen und klingenden Spiel durch Wernigerode zu ihrem Schützenfestplatz, dem Anger marschieren, dann eröffnen sie damit die Feierlichkeiten zum 560 jährigen Bestehens ihrer Gesellschaft.

Das Schützenwesen in Deutschland kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Als Entstehungszeitraum mittelalterlicher Schützengilden wird von den Historikern die Phase der Stadtwerdungsprozesse angenommen. So wird dann auch die Wernigeröder Schützengilde erstmalig in einer Abrechnung der St. Sylvestri- Kirche des Jahres 1451 erwähnt. Die Gilde war demnach bereits etabliert, woraus zu schließen ist, dass sie bereits schon geraume Zeit vorher existent war. Die Geschichtsforscher beschreiben das so, dass alle freien Bürger vom städtischen Rat verpflichtet waren, zugewiesene Verteidigungsaufgaben auf den Befestigungen der Stadt zu übernehmen.

Den Interessen der Stadt hatte die Schützengilde zu dienen. Jeder Bürger war verpflichtet, „Wehr und Waffen“ auf eigene Kosten anzuschaffen und sich in deren Gebrauch zu üben.

Die Wernigeröder Schützengilde – später Wernigeröder Schützengesellschaft genannt – ist damit die älteste vom städtischen Rat organisierte Gemeinschaft freier Bürger der Stadt Wernigerode. Ihre Mitglieder waren und sind konfessionell und parteipolitisch unabhängig. Die Gesellschaft schließt sich keiner Konfession oder politischen Partei an.  Die ca. 200 Jahre später auf Initiative der Wernigeröder Grafen gegründeten Schützengilden Nöschenrode und Hasserode wurden zum Wachdienst auf dem Schloss herangezogen. In einem alten Dokument heißt es: „Sie mussen ufm schloss wachen, daselbige fegen, ufm Bansen arbeiten, holtz binden und andere notdürftig arbeit tun.“

Neben dem städtischen Rat übte das Grafenhaus starken Einfluss auf die Wernigeröder Schützengesellschaft aus. Angehörige der Grafschaft nahmen aktiv an den Freischießen und Schützenfesten teil. Einige erkämpften die Ehre eines Schützenkönigs. Ehrenvolle Gaben und Spenden erinnern noch heute an die ehemalige Verbundenheit zwischen dem Grafenschloss und den Wernigeröder Schützen.

Wenn auch die Tradition der Schützengesellschaften ins 13. bis 15. Jahrhundert zurückreicht, so dauerte es noch einige Jahrhunderte, bis sie 1861 in Gotha/Thüringen in einem gemeinsamen Verband vereinigt werden konnten. Wenn wir Wernigeröder Schützen am 8. Juli dieses Jahres unser 560 jähriges Jubiläum feiern, dann begehen am gleichen Tag die deutschen Schützengesellschaften in Gotha mit einem großen Schützenfest das 150 jährige Jubiläum des Deutschen Schützenbundes. Wir sind stolz darauf, dass an diesem denkwürdigen Tag vor 150 Jahren in Gotha auch eine Abordnung der Wernigeröder Schützengesellschaft unter Leitung des Schützenmeisters August Brinck teilgenommen hat.

Im 20. Jahrhundert folgten den friedlichen sportlich gemeinten Waffenübungen der Schützenvereine riesige Materialschlachten und Menschenvernichtung im größten Ausmaß.

Denkmale erinnern auch an die gefallenen Schützen unserer Stadt. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verloren die Schützen recht bald ihre Eigenständigkeit. Der Deutsche Schützenbund wurde aufgelöst. Die unabhängigen bürgerlichen Vereine galten dem neuen Regime als nicht mehr opportun.

1944 führte die Wernigeröder Schützengesellschaft ihr letztes Freischießen durch. Schützenkönig wurde der Sägewerksbesitzer Bernhard Querfurth. Erster Schützenmeister war zu der Zeit Hermann Festerling

Nach Kriegsende verbot alliiertes Recht alle Aktivitäten der Schützenvereine in Deutschland. In der BRD wurden bereits 1951 die Schützenvereine wieder zugelassen. Da die staatlichen Stellen der DDR an der „vormilitärischen Ausbildung“ der Bevölkerung interessiert waren, förderte man das Sportschießen im Rahmen der 1956 gegründeten Gesellschaft für Sport und Technik. In den Dörfern fanden da und dort vereinzelt wieder Schützenfeste statt. Dennoch, die Politik gegenüber den Schützengesellschaften blieb sehr widersprüchlich.

Die Initiative zur Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit der Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. wurde von unserem Schützenbruder Diether Schmegner eingeleitet. Ihm und den Schützenbrüdern Helge Mehlhose, Klaus Voigtländer, Wolfgang Faller, Mario Dönecke und anderen ist es zu verdanken, dass bereits im Februar 1990 die Gesellschaft nach 45 jähriger Unterbrechung Ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnte. Als 1. Schützenmeister wurde der Goldschmiedemeister Hermann Wiele gewählt, der bereits als Kind die Schützenfeste der Vorkriegszeit erlebt hatte.  Unterstützung kam auch von befreundeten Vereinen und erfahrenen Schützen der alten Bundesrepublik. Uneingeschränkt dankbar sind wir für Rat und Tat durch Helmut Becker und Otto Behme von  der Goslarer privilegierten Schützengesellschaft von 1220, Heinz Jonas und Johannes Beyer von der Schützengesellschaft Hannover – Wülfel und den Vorständen der Schützengesellschaften aus Bad Harzburg und Seesen, die hier nur stellvertretend genannt werden. Besondere Erwähnung, hat sich unser Ehrenmitglied Ludwig Reitzer von der Kgl. priv. Feuerschützengesellschaft Weilheim i. OB, für die Rettung unserer ehrwürdigen, alten Schützenfahne und anderer vielfältiger Unterstützung verdient.

Bereits 1991 feierte die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. wieder ihr erstes Schützenfest. Damit begehen wir in diesem Jahr das Jubiläum des 20. Schützenfestes nach der Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit. Gemäß der neuen Zeit und der hohen Verdienste für das städtisch Leben öffnete sich die einstige Männerdomäne nun auch den Frauen und nahm sie gerne als Schwestern in ihren Reihen auf.

Erster Schützenkönig nach der Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit war der Schützenbruder Helmut Jannek.

Auch wenn es die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. nur mittelbar betrifft, so weisen wir doch gerne darauf hin, dass der „Harzer Schützenkurier“ am 26. Juni 1991 zum ersten Mal erschienen ist. Zu diesem 20. Jubiläum gratulieren die Mitglieder unserer Gesellschaft recht herzlich.

Eine Schützengesellschaft kann nur leben durch die Zuwendung und den Einsatz  eines jeden Mitglieds. Aber auch von außerhalb unserer Gemeinschaft erfahren wir Wohlwollen und Unterstützung, dafür sind wir sehr dankbar.

Wir wollen dafür menschliche Wärme und Geborgenheit zurückgeben, etwas Fröhlichkeit und kameradschaftliche Hilfe, wo sie nötig ist. Wir wollen dazu beitragen, dass das Leben in unserer Stadt noch ein wenig liebenswerter und bunter wird und dass Wernigeröder, die unsere Heimat verlassen haben sich nicht nur gern an Wernigerode erinnern, sondern auch nach Hause zurück kommen.

Siegfried Abrecht | Altschützenmeister

Sächsisches Provinzialschießen 1896 in Wernigerode

Sächsisches Provinzialschießen 1896 in Wernigerode

Festumzug der Wernigeröder SG 1932

Festumzug der Wernigeröder Schützengesellschaft 1932

Abholen des Schützenmeisters Karl Bindseil

Abholen des Schützenmeisters Karl Bindseil

Die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. – Teil 2

Das Zusammenwirken mit der Stadt, ihren Bürgern, Gästen und der Grafschaft

 „Noch sind wir nicht im Himmel und es wird uns wohl auch nicht gelingen, den `Himmel auf Erden` zu holen. Deshalb sollen wir uns auch diesen Leben richtig und ganz zuwenden.“ (Bischof Axel Noack)

Wer ein Jubiläum feiert- sei es im privaten oder im öffentlichen Bereich-, wendet sich dem Leben zu. Aus dieser Sicht sind auch die Jubiläen der Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. (kurz WSG) eine Lebensbejahung und zugleich ein Beitrag dazu, den Menschen neu zu vermitteln, was für ein hohes Gut es ist, eine Heimat zu haben, eine Heimat mit stolzen gepflegten Traditionen, wozu auch unsere über 560 jährige Schützentradition zählt.

Das deutsche Schützenwesen ist maßgeblich geprägt von seinen Schützenfesten, Freischießen, oder von den Schützenhöfen, wie sie früher genannt wurden. In den Annalen der Schützen wird stets die unbändige Freude aller Teilnehmer am jährlichen Frühlings- Vogelschießen betont. Das hat seine Beliebtheit z.T. bis heute erhalten. Nach den dunklen Wintermonaten wurde die neu erwachte Natur mit Gesang, Musik und Spiel begrüßt. Maiengrün bestimmte die Farbe von Fahnen und Tracht. Auch in Wernigerode war das so. Dem Tagebuch der Gräfin Luise, der 2. Tochter des Grafen Christian Friedrich aus dem Jahr 1793 kann man z.B. folgendes entnehmen:

„…. Am 25. Mai besuchten wir meinen Vater beim Vogelschiessen, welches mich recht amüsierte; es waren viele Menschen da, und wir gingen durch die schöne Ecke wieder zurück.“ Die Beschreibung dieses Königsschießen enthält außerdem folgende Passage – Zitat: “ 22 Schützen aus der Stadt hatten sich Uniformen machen lassen, welche in einen dunkelblauen Rock mit einen hellblauen Kragen mit hohen gelben  Knöpfen, weißer Weste und Beinkleider mit dergleichen kleinen Knöpfen, Stiefeln und einen Degen, und an den dreieckigen Huth eine weiße Kokarde, welche in der Mitte einen kleinen blauen Schweif hat.“

Seit dem 775-jährigen Jubiläum unserer Heimatstadt kann man diese Uniformen wieder bei einigen Wernigeröder Schützen bewundern.

In den zurückliegenden Jahrhunderten fanden überall in Deutschland prunkvolle Freischießen mit tagelangen Festlichkeiten statt. Dabei wurde nicht nur geschossen sondern auch getanzt und gefeiert. Auch in Wernigerode gab es prächtige Schützenhöfe, so z.B. im Jahre 1554.

Große Schützenfeste wurden nicht nur im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit gefeiert. Nach der Gründung des Deutschen Schützenbund im Jahr 1861 in Gotha fanden bedeutende Bundesschießen statt, an denen auch Wernigeröder Schützen teilnahmen. So kann man z.B. auf der „Festscheibe München“ anlässlich des 7. Deutschen Bundesschießen 1881 als Preisträger den Wagenfabrikanten Carl Brüning ausmachen.

Die WSG selbst war Gastgeber größerer Schießveranstaltungen, z.B. fanden im Jahr 1886 das Provinzial-Schießen für Sachsen- Anhalt und Braunschweig und 1891 das 8. Harzer Bundesschießen statt.

Seit Anbeginn feierte die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. ihre Schützenfeste nicht als vereinsinterne Veranstaltungen sondern als Volksfeste für alle Bürger und Gäste der Stadt und Umgebung. Das ist auch heute noch so. Unter den Schützenfesten spielten sowohl für die Gesellschaft als auch für die Bürger der Stadt, die Jubiläums- Schützenfeste eine herausragende Rolle. Speziell aus dem 20.Jahrhundert sind darüber umfangreiche Berichte überliefert.
Die 450- Jahrfeier im Jahr 1901 erreichte mit der Übergabe einer prächtigen Vereinsfahne  durch Kaiser Wilhelm II – die noch heute in Ehren gehalten wird und zum Schützenfest 2010 in Kopie neu übernommen wurde – seinen Höhepunkt.

Das 475 jährige Jubiläum der Wernigeröder Schützengesellschaft im Jahr 1926 wurde von den Schützen und den Bürgern eine Woche lang gefeiert. Mit 31 lebenden Bildern wurden Szenen aus dem Schützenleben und der Stadt nachgestellt.

Wie bereits im Teil 1 festgestellt, waren die Schützen dem städtischen Rat unterstellt. Demgemäß stand der 1. Bürgermeister immer an erster Stelle der Mitgliederliste der Schützengesellschaft. Außerdem wurden die Jubiläen immer gemeinsam vom Magistrat und dem Schützenvorstand organisiert und durchgeführt. Dieser Tradition folgend nahmen die Bürgermeister Horst Dieter Weyrauch und später Ludwig Hoffmann die Würde eines Ehrenmitglieds der Wernigeröder Schützengesellschaft gern an. Das sollte weiter so sein!

Das Jubiläum zum 500. Bestehen fiel den 1951 herrschenden politischen Verhältnissen zum Opfer.

1991, ein Jahr nach der politischen und wirtschaftlichen Wende und gleichzeitig im 540. Gründungsjahr, begingen die Wernigeröder Schützen gemeinsam mit den Bürgern wieder ihr erstes Schützenfest auf dem Anger. Durch die Stadtverwaltung wurde dieser Platz aus kommunalen Mitteln als kombinierter Park- und Festplatz geplant und ausgebaut. Die Infrastruktur dieses Festplatzes wird den neuesten EU – und Bundesrichtlinien gerecht. Die Platzkapazität ist ausreichend für ein gemeinsames Schützenfest aller Wernigeröder Schützengesellschaften.

Unter dem Slogan „550 Jahre Schützenwesen Wernigerode“ feierten im Jahr 2001 gemeinsam die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. ihr 550.Jubiläum und die Nöschenröder Schützengesellschaft von 1651 e.V. ihr 350 jähriges Bestehen. Viele Veranstaltungen, verteilt über das ganze Jahr, bezogen die Bürger der Stadt ein. Besondere Höhepunkte waren dabei das Galakonzert des Philharmonischen Kammerorchesters Wernigerode gemeinsam mit den Männerchören Wernigerode und Hasserode unter Leitung von MD Christian Fitzner oder der „Große Zapfenstreich“ unter Teilnahme aller Schützengesellschaften der Stadt Wernigerode auf dem Markt.

Auch das 555-jährige Bestehen der WSG v.1451 e.V. im Jahr 2006, wurde mit einem Festakt im Beisein vieler Gäste und der feierlichen Umrahmung durch das Blechbläserensemble der Musikschule Andreas Werckmeister, würdig begangen. Besonders hervorzuheben ist hier der Festvortrag durch unser Ehrenmitglied Ludwig Reitzer.

Beliebt bei den Einwohnern, Gästen und Schützen ist das öffentliche Schützenfrühstück an den Schützenfest – Sonntagen. Hier treffen sich Jung und Alt, Mann und Frau, Ratsmitglied und Bürger, Chef und Mitarbeiter bei guten Trunk, Schmaus und Blasmusik zu gemeinsamen entspannten Gesprächen.

Bedauerlich ist, dass die Teilnahme der Einwohner und Gäste an dem Geschehen auf dem Festplatz rückläufig ist. Als Gründe werden das gestiegene Preisniveau der Fahrgeschäfte und Schausteller im Verhältnis zur Kaufkraft genannt. Ein häufig anzutreffendes Argument – besonders bei den Schaustellern – ist die Bemerkung, dass Wernigerode mit Veranstaltungen und anderen Attraktionen stark überfrachtet ist und sie deshalb Wernigerode mit Ihren modernen Fahrgeschäften ungern oder gar nicht anfahren wollen.

Ein gemeinsames Schützenfest aller Schützengesellschaften der Stadt, unterstützt von den Abgeordneten und allen gesellschaftlichen Kräften der Stadt, bietet die Möglichkeit, die Jahrhunderte währende Tradition des Wernigeröder Schützenwesens aufrecht zu erhalten. Dazu steht die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. mit all ihren Mitgliedern.

Siegfried Albrecht | Altschützenmeister

Übergabe der alten Fahne von Ludwig Reitzer an die WSG 1990

Ludwig Reitzer übergibt die alte Fahne an die Wernigeröder Schützengesellschaft

Die Wernigeröde SG v. 1451 und ihre Gäste auf unserem historischen Marktplatz

Die Wernigeröder Schützengesellschaft v. 1451 und ihre Gäste auf unserem historischen Marktplatz

2001 - Galakonzert anlässlich 550 Jahre Wernigeröder Schützengesellschaft

2001 – Galakonzert anlässlich 550 Jahre Wernigeröder Schützengesellschaft

Die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 e.V. – Teil 3

Unsere Schützenhäuser, Schießplätze, Festplätze im Wandel der Zeiten

Eine Schützengesellschaft braucht für ein geselliges Vereinsleben eine Heimstatt – ein Schützenhaus – für die sportliche Tätigkeit – einen Schießstand – und für ihr Schützenfest – einen Festplatz.

Auf einer Plakette von 1818, der alten, leider in den Wirren des Jahres 1945 abhanden gekommenen Schützenkette, gab es eine Abbildung, gefertigt vom Goldschmied Friedrich Ziegler, auf der, der alte Wernigeröder Schützenkrug  dargestellt war. Dieser Schützenkrug lag vor der Stadt an der Flutrenne. Als das Haus 1883 bis auf die Grundmauern niederbrannte, entstand an gleicher Stelle innerhalb eines Jahres der Neubau des „Alten Wernigeröder Schützenhauses“. Unmittelbar hinter dem Haus lag der Schützenfestplatz, der Lindenplan. Bis 1902 wurde mit Scheibengewehren in Richtung Lindenplan bis auf 175 m Entfernung geschossen. Dieses „Alte Schützenhaus“ steht heute noch an der Straße Flutrenne Nr. 6. Es dient bis heute unterschiedlichen öffentlichen Zwecken.

Mit der Erweiterung der Stadt um 1889, der Anlage der Forckestraße und der Bebauung des Salzbergtales, war das Schießen nicht mehr zu verantworten. Einstimmig beschloss die Wernigeröder Schützengesellschaft von 1451 (WSG v. 1451 e.V.) am 10.November 1900 den kostenlosen Tausch des Schützenplatzes gegen ein neues städtisches Gelände. Mit dem Vertragsabschluss von 1900 wurden die Bedingungen für das „Neue Schützenhaus“ zwischen dem Magistrat, dem Fürstenhaus und der WSG v.1451 geregelt. Am 21. August 1902 erfolgte die Grundsteinlegung am Ziegelberg. In 9 Monaten wurde der Bau des neuen Hauses beendet. Die Baukosten wurden zu einem Drittel von den Schützen und zu zwei Dritteln von der Stadt getragen. Mit der Eröffnung am 4. Mai 1903 verfügte die WSG v.1451 über die beste Schießstätte im weiten Umkreis.

In der Zeitung wurde damals u.a. darüber wie folgt geschrieben: „Auf dem neuen Schützenplatze am Ziegelberg fand gestern Nachmittag das erste  Schießen, ……..statt. Es ist verständlich, das dieser, in mehrhundertjähriger Geschichte der städtischen Schützengesellschaft denkwürdige  Tag festlich begangen wurde.  Sehr begünstigt wurde der Tag durch das herrlich warme Frühlingswetter, das auch viele Frauen und Familienangehörige der Schützen, sowie sonstige Freunde der Schützengesellschaft veranlasst hatte an der hübschen und ansprechenden Feier teilzunehmen. Der erste Schuss auf dem neuen Schießstand wurde von Herrn 1. Bürgermeister Ebeling abgegeben.“

Der erste Schützenwirt hieß Wilhelm Müller. Dieser war vorher lange Jahre Küchenchef im Hotel „Brocken – Scheideck“ in Schierke. Über die Einweihungsfeier wird weiter berichtet: „Nach dem Schiessen fand ein gemeinsames Essen statt, dessen vorzüglich zubereitetes Menü voll den guten Ruf bestätigte, den der neue Schützenwirt als Koch genießt, ……. Während des Essens wurden selbstverständlich mehrere Toaste ausgebracht. Dieselben zeichneten sich sämtliche durch Kürze – was wir besonders hervorheben möchten – und durch einen vornehmen Ton aus.“ 1. Schützenmeister war zu der Zeit ein Herr Borghardt.

Wenn man bedenkt, das es 1902/1903 keine Förderung durch den Staat gab und alle Gelder von den Schützen, der Stadt Wernigerode und auch von Sponsoren aufgebracht werden mussten, dann war der Bau des „Neuen Schützenhauses“ in nur 9 Monaten eine äußerst beachtenswerte Leistung.

Das am Ziegelberg am wunderschönen Waldrand gelegene Schützenhaus der Wernigeröder Schützengesellschaft v. 1451 e.V., heißt heute „Hotel am Schlosspark“. Dieses wird nach wie vor von der Wernigeröder Schützengesellschaft als ihre Heimstatt –  ihr Schützenhaus –  genutzt. Mit dem neuen Eigentümer, unseren Schützenbruder Herrn Volkmar Krause, verbindet die Schützen ein Kooperationsvertrag als rechtliche Grundlage zur Sicherung des Schießbetriebes und für gesellige Veranstaltungen.

Der jetzige Besitzer hat mit sicherer Hand die Tradition der guten Küche und des guten Kellers von dem vorgenannten legendären 1. Schützenwirt übernommen.

Ehe es zu dem heutigen Stand kam, hatte das ehemalige „Neue Schützenhaus“ unterschiedliche Nutzer. In Folge des II. Weltkrieges wurden die Schützengesellschaften enteignet.

Laut amtlicher Bekanntmachung wird am 12. April 1946 das „Neue Schützenhaus“ als täglich geöffnete Gaststätte wieder eröffnet.

Am 21. August 1949 ließ die Stadt nach Vorschlägen des Zoodirektors in Halle, Herrn Dr. Voß, einen Tierpark anlegen und das Schützenhaus in „Tierparkgaststätte“ umbenennen.

Am 01.09.1954 übernahm der Zentralvorstand der Gesellschaft für Sport und Technik als Rechtsträger das Haus und baute es ab1969 als Gästehaus und Ferienheim um. Dabei wurden die gesamten Schießanlagen beseitigt.

Nach der Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit bemühte sich die WSG v. 1451 um die Rückgabe des Grundstückes. Da dasselbe in das Sondervermögen der Treuhandanstalt gefallen war, gestaltete sich die Rückgabe äußerst kompliziert. Nach variantenreichen, leider gescheiterten Versuchen, wurde dann die heute praktizierte Lösung gefunden.

Auf dem Festplatz auf der Schützenwiese am Ziegelberg fanden von 1903 bis 1939 die jährlichen Schützenfeste unserer Gesellschaft statt. Die zwischenzeitlich stark veränderten technischen und rechtlichen Bedingungen, speziell für die Infrastruktur eines Festplatzes, ließen die Durchführung des Schützenfestes 1991 an alter Stelle nicht zu. Die Stadtverwaltung unterstützte die Schützen und gestattete, dass das Schützenfest auf den damals mit rotem Ziegelsplitt bedeckten Parkplatz, auf dem Wernigeröder Anger, durchgeführt werden konnte.

Regenschauer während des Schützenfestes führten dazu, dass Schützen, Gäste und Fahrzeuge rot eingefärbt wurden. Das schrie nach Veränderung. Das Ingenieurbüro Richter erhielt  von der Stadt den Auftrag, die planerischen und rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen aus dem Anger einen nach neuesten Gesichtspunkten  ausgestatteten Park – und Festplatz für die Stadt zu schaffen. Das wurde kurzfristig realisiert und somit hat Wernigerode auch heute noch einen infrastrukturell ordentlich ausgestatteten Festplatz nicht nur für Schützenfeste sondern auch für Volks – Frühlings und Sommerfeste sowie für unterschiedliche andere  Veranstaltungen.

In unserem Schützenhaus finden regelmäßig die Schießübungen mit dem Luftgewehr statt.  Die freundschaftliche Verbundenheit mit der Schützengesellschaft Silstedt und dem SSV Wernigerode macht es möglich, auf deren Schießständen das Klein – bzw. Großkaliberschießen zu trainieren.

In den letzten 200 Jahren ist die städtische Schützengesellschaft an verschiedenen Orten Ihrer Heimatstadt zu Hause gewesen. Die gesellschaftliche Entwicklung stellt neue Forderungen auch an die Schützen. Ein gemeinsames Schützenfest aller Schützengesellschaften von Wernigerode, unterstützt von den Stadtverordneten und gesellschaftlichen Kräften der Stadt, bietet die Möglichkeit , die Jahrhunderte währende Tradition des Wernigeröder Schützenwesens, getreu der Feststellung des Chronisten: „Wernigeröder Schützengeschichte ist auch Wernigeröder Stadtgeschichte“, aufrecht zu erhalten. Wenn es denn gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Vernunft entspricht, wird die Wernigeröder Schützengesellschaft v. 1451 e.V. mit den Schützen der Stadt, nicht auf dem städtischen Anger sondern auf dem Gelände des Ochsenteiches ein gemeinsames Schützenfest feiern.

Siegfried Albrecht | Altschützenmeister

Grundsteinlegung des wernigeröder Schützenhauses 20.08.1902

Grundsteinlegung des Wernigeröder Schützenhauses 20.08.1902

Festplatz Schützenwiese - um 1930

Festplatz Schützenwiese – um 1930

Schützenhaus um 1940. Pächter Willi Gocke

Wernigeröder Schützenhaus um 1940. Pächter Willi Gocke

Schießen aus dem Wernigeröder Schützenhaus bis 1945

Schießen aus dem Wernigeröder Schützenhaus bis 1945